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Bestandsoberflächen jenseits von Standards

SS25 Seminar
Studierende: Seraphin Ernst, Richard Flechtner, Johannes Fritz, Malik Gec, Wolf Klinzing, Luca Marie Pfirrmann
Lehrende: Prof.´in Johanna Meyer-Grohbrügge, Marco Luca Reusch
In Kollaboration mit: Karolin Aigner (ReCraftDesignStudio) und Simon Jaschke (Brückner Dietz)
Fotos: AKA_team, beteiligte Studierende, Hannes Heitmüller
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05-E Peitschenleuchte
Wolf Klinzig
04-E Funktionale Oberfläche
Luca Marie Pfirrmann
06-E Deckel drauf
Wolf Klinzig
14-0 Lehmterazzo
Seraphin Ernst
02-E Raue Schönheit
Johannes Fritz
10-E Eingespannt
Malik Gec
AKA_DEMO1
Architektonische Oberflächen sind die Haut der Materialien. Sie schützen und kommunizieren, sie sind das Sprachrohr jeder Raumerfahrung, da sie alle Sinne ansprechen. Sie können verdecken, verkleiden oder offenlegen. Über die rein technischen Anforderungen hinaus prägen sie maßgeblich einen Raum. Vor allem im Umbau verdichten sich hier ideologische Fragen nach dem Umgang mit Gegebenem und Gebrauchtem.
In diesem Semester stand die Gestaltung der Oberflächen der AKA_Halle im Fokus. Untersucht wurde, wie diese ressourcenschonend aufgearbeitet und zugleich gestalterisch hochwertig weiterentwickelt werden können. Dabei wurden verschiedene Handwerkstechniken, Werkstoffe und Methoden erprobt und hinsichtlich ihrer gestalterischen und konstruktiven Qualitäten bewertet. Besonderes Interesse galt der Frage, welche Spuren des Bestands erhalten bleiben und wie diese als sichtbarer Teil der Transformation in die Gestaltung integriert werden können.
Um mögliche Antworten auf diese Fragestellungen zu finden, wurde praktisch in und an der Halle gearbeitet. Ausgehend von zwei Vorübungen und einem dreitägigen Workshop zu Beginn des Semesters wurden bestehende Oberflächen der Halle untersucht und erste Material- und Oberflächentests zum Umgang mit und zur Gestaltung dieser Oberflächen durchgeführt. Ebenso wurden weitere Oberflächen experimentell und handwerklich behandelt: Von der Bearbeitung von Metall mit Rostbeize, über Steinbearbeitung mit Hammer und Meißel oder Flex, bis hin zur Dokumentation der Arbeitsschritte. Die hieraus gewonnenen Erkenntnisse dienten als Einstieg in die 1:1 Arbeit am Demonstrator. Dabei stand es den Studierenden frei, welche Werkzeuge oder Bearbeitungstechniken zum Einsatz kommen. In den abschließenden Bauwochen wurden die erarbeiteten Entwürfe als Demonstrator exemplarisch im Maßstab 1:1 umgesetzt. Wie wirkt das Gebaute im Kontext? Lässt es sich auf das komplette Gebäude skalieren? Welche Hürden ergeben sich bei der Umsetzung? Entspricht es den Anforderungen im realen Umfeld? Wie in den vorherigen Seminaren stand auch bei AKA_demo1 der experimentelle und kollaborative Arbeitsprozess im Fokus. Beginnend mit Vorübungen und Prototypen bis zur Ausführungsplanung durchliefen die Studierenden den gesamten Planungs- und Realisierungsprozess, um die neue Qualität der Ergebnisse im Maßstab 1:1 überprüfen zu können. Die Lehrveranstaltung wurde in Zusammenarbeit mit dem auf Wiederverwertung von Baustoffen spezialisierten Re-CraftDesign Studio aus Kopenhagen durchgeführt und von den Fachplanenden des AKA_Projekts unterstützt.
EIN KUBIKMETER
Die Verortung der Demonstratoren erfolgte anhand fiktiver Kuben, die gedanklich in der Halle platziert wurden. Die darin liegenden Oberflächen wurden anschließend vertieft untersucht und bearbeitet. Es entstanden acht Demonstratoren, die unterschiedliche Zielsetzungen, Herangehensweisen und Möglichkeiten aufzeigen. Zu Beginn der Bearbeitungsphase wurde in einem dreitägigen Workshop eine detaillierte Bestandsaufnahme der Oberflächen in der Halle durchgeführt und erste Entwurfsansätze entwickelt. Zur genaueren Analyse wurden die Oberflächen vermessen, 3D gescannt, abschraffiert sowie mittels Silikonabformung erfasst und anschließend in Gips gegossen.

14-0
SERAPHIN ERNST

Das Konzept des Lehm-Terrazzo-Bodens beruht auf der präzisen Übersetzung einer vorhandenen, vielschichtigen Bestandssituation in eine neue, sedimentartige Oberfläche. Der Ausgangspunkt ist ein fragmentierter Bodenaufbau, der sich aus einer Stahlschwelle, einem Mauerrest und angrenzenden Terrazzofliesen zusammensetzt. Diese Abfolge aus konstruktiven, massiven und gestalteten Bauteilen bildet die Grundlage für eine gestalterische Neuinterpretation. Die neue Bodenschicht macht die ehemaligen Schichtungen lesbar, indem sie sie materiell und strukturell in ein zusammenhängendes System überführt: über dem Bereich der ehemaligen Schwelle werden ganze wiederverwendete Klinkersteine flächenbündig verlegt. Sie sind mit Lehm verfugt. Der Lehm fungiert hier als Zwischenmaterial – als Vermittler zwischen Alt und Neu, zwischen Klinker und Umgebung. Unmittelbar angrenzend, im Bereich der ehemals verlegten Terrazzofliesen, setzt sich das Konzept in Form eines Stampflehmbodens mit eingestreuten Klinkersplittern fort. Die Splitter stammen ebenfalls aus lokalem Materialbestand. Nach dem Trocknen wird der Boden abgeschliffen und mit einem Hartwachsöl versiegelt. Somit entsteht durch den sichtbar hervortretenden Klinkerzuschlag ein Terrazzoeffekt. In dieser Fläche kehrt sich die Materiallogik der Fuge um: Lehm bildet nun die Matrix, Klinker das Fragment.

10-E
MALIK GEC

Die Idee für den Entwurf entwickelte sich aus einer räumlichen Besonderheit, die sich aus dem Zusammenspiel zwischen dem neu installierten Betontreppenkern und dem bestehenden Stahlskelett der AKA_Halle ergibt. Die Paneele bestehen aus einer Kombination von Kokosmatten (innenliegend) und den ehemals auf dem Steg verbauten und wiederverwendeten Gitterrosten (außenliegend). Montiert werden sie über in die Pfosten eingelassene Gewindemuffen, in denen Gewindestangen, Hutmuttern und Klemmverbindungen zum Einsatz kommen. Zusätzlich sind die Pfosten am oberen und unteren Ende mit ausdrehbaren Stützenfüßen versehen, die über Gewinde in der Höhe justiert werden können – so lassen sich die Elemente passgenau zwischen Boden und Decke verspannen. Zur Stabilisierung dienen Gummigranulatmatten an beiden Enden, die Rutschfestigkeit und Druckverteilung verbessern.

07-E
RICHARD FLECHTER

Der Entwurf setzt sich aus drei gezielten Eingriffen an Wand und Boden zusammen. Die Bearbeitung der Wand erfolgte mit einem Schlagbohrhammer samt Meißelaufsatz. Dabei wurde der deckende Putz entfernt und die darunter liegende Mauer aus porösem Porenbetonstein freigelegt. Durch das mechanische Abschlagen entstand eine unregelmäßige, reliefartige Struktur, welche die Materialeigenschaften der Wand erstmals sichtbar und fühlbar macht. Zur Vorbereitung auf die farbliche Fassung wurde die rohe Oberfläche mit Kaliwasserglas behandelt – einem mineralischen Bindemittel, das die Saugfähigkeit reguliert und die Oberfläche stabilisiert. Anschließend wurde die Wand mit einer Kalkfarbe gestrichen. Die Kalkfarbe hellt den Raum auf, ohne die Tiefenstruktur der Mauer zu überdecken. Es entsteht ein Wechselspiel zwischen rauer, mineralischer Oberfläche und glatt beschichteten, industriellen Bauteilen. Der neue Boden wurde als schwimmender Estrich auf einer Tragschicht aus Glasschaumplatten eingebaut. Der gesamte Aufbau kommt ohne Verklebung aus und ist dadurch vollständig rückbaubar. Im Vergleich zu konventionellem Estrich fällt die CO₂-Bilanz des gewählten Materials etwa um die Hälfte geringer aus.

06-E
WOLF KLINZIG

Die bisherige Nutzung der Halle hat zahlreiche Durchbrüche im Boden hinterlassen, die für die zukünftige Nutzung geschlossen werden müssen. Da voraussichtlich ein neuer Estrich bzw. eine durchgehende Bodenversiegelung entsteht, verschwinden die Öffnungen im Erdgeschoss. Um die bauliche Geschichte weiterhin ablesbar zu halten, werden die Löcher nicht über die gesamte Deckenhöhe ausgegossen. Die ehemaligen Durchbrüche bleiben so an der Unterseite der Kellerdecke sichtbar. Zusätzlich wird die Kellerdecke weiß gekalkt, während die Öffnungen ungestrichen bleiben und sich dadurch deutlich abzeichnen.

05-E
WOLF KLINZIG

Die ehemaligen Peitschenleuchten, die ursprünglich als Arbeitsplatzbeleuchtung dienten, bestanden nur noch aus dem schwenkbaren Stahlträger. Die Montage einer LED-Doppelleuchte sowie einer Stahlkette machen die Leuchten für die künftige Nutzung wieder nutzbar. Bestandsträger und angrenzende Bauteile werden nur gereinigt. Im Kontrast dazu steht die feuerverzinkte Kette und das neue Kabel.

04-E
LUCA MARIE PFIRRMANN

Im Mittelpunkt der Überlegungen stand die funktionale Nutzung und Gliederung des Demonstrators. Die Wandflläche wurde in vier Zonen (A,B,C,D) unterteilt. Jeder dieser Bereiche soll eine spezifische Funktion erhalten, um einen klar nutzbaren Arbeitsbereich zu entwickeln. Dabei stand vor allem die Frage im Vordergrund, wie vorhandene Gegebenheiten, wie etwa eine Stütze oder ein Loch im Bestandsboden in eine neue Nutzung integriert werden können. Fläche A, die bestehende Stütze, wurde zur Magnetwand. Durch ihre Position eignet sie sich ideal als zentrale Verbindungsfläche zwischen den angrenzenden Zonen. Fläche B wurde als klassische Tafelwand ausgebildet. Der oberseitige Abschluss dieser Fläche wurde rund ausgeformt, eine Geste, die an bestehende Grafik und Formensprache in der AKA_Halle erinnert und diese subtil aufgreift. C dient weiterhin als Halfenschiene und zur Befestigung einer Ablage für Utensilien. Zone D, der Boden wurde mit einem Estrichaufbau versehen. Der Durchbruch des Bestandsbodens zeigt sich auch hier im Estrich. Ebenso wird ein Randfries mit Hohlkehle als vermittelndes Element zwischen Wand und Boden gegossen. Dieses Sockeldetail ermöglicht den Verzicht auf eine klassische Sockelleiste und gestaltet diesen Übergang bewusst.

02-E
JOHANNES FRITZ

Im Spannungsfeld zwischen historischer Substanz und zeitgemäßer Nutzung widmet sich das Konzept den Stärken des vorhandenen Materials. Im Fokus steht dabei die Wechselwirkung zwischen Material, Raumakustik und Atmosphäre. Ausgangspunkt ist die verputzte Porenbeton-Füllung des Stahltragwerks und eine Halle mit stark hallenden Raumklangverhältnissen. Um die akustische Qualität zu verbessern, wird das Prinzip der Diffusion verfolgt – durch bewusst rau gestaltete Oberflächen, die den Schall brechen und streuen, anstatt ihn zu reflektieren. Durch die Entfernung des Putzes und die Bearbeitung mit dem Stockhammer wird das ursprüngliche Mauerwerk nicht nur freigelegt, sondern gleichzeitig in seiner akustisch wirksamen Struktur verstärkt. Beim sog. Stocken wird die oberste Gesteinsschicht durch gezielte Schläge mit gezahnten Werkzeugen wie dem Stockhammer aufgeraut. Durch die abschließende Behandlung mit Kaliwasserglas wird die Oberfläche verfestigt und wird hierdurch abriebfester.
Made on
Tilda